Handicap, Sackgasse, Widrigkeiten, persönliche Entwicklung, Persönlichkeit, Thomas Kölblin-Herzig

Gehandicapt? Logo. Und wie sieht Ihr Handicap aus?

Fallen gehört bei mir dazu. Seit Kindesbeinen an. Ich habe mich in meinem Leben schon so oft auf die Nase gelegt. Weil mein nächster Haltepunkt doch ein paar Millimeter weiter entfernt war, als gedacht. Weil ich einen schlechten Tag hatte und meine Beine einfach mal so den Dienst quittieren. Weil ich Sturkopf an meinem Entschluss festhalte und auf Rollstuhl und Krücken verzichte.

Kein Wunder, dass das Festhalten lange eine Eigenschaft war, auf der mein Fokus lag: Betrat ich ein Zimmer, so scannte ich in Sekundenbruchteilen den Raum nach Festhaltemöglichkeiten. Ich ging mehrmals die Woche ins Gym und stärkte meine Muskeln, um genug Kraft zum Festhalten zu haben.

Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass ich in einer bestimmten Hinsicht erst loslassen muss, um wirklich Halt in meinem Leben zu finden.

Selbstverständlich? 

Für wie selbstverständlich halten Sie Ihr Leben? Den Status quo? 

Ich denke, die meisten Menschen setzen es als Selbstverständlichkeit voraus, dass ihr Leben so bleiben wird, wie es ist. Auch wenn sie WISSEN, dass jederzeit etwas passieren kann, ein Fehltritt, eine Unaufmerksamkeit, ein Unglück, eine Veränderung in ihrem Umfeld, die ihr Leben auf den Kopf stellt – vorbei mit der Selbstverständlichkeit – LEBEN Sie dennoch so, als wären sie unverwundbar, unsterblich.

Auch ich war so. Dass ich mein Leben für selbstverständlich hielt.

Und so hatte ich mich sehr gut in meinem Leben, wie ich es kannte, eingerichtet. Was ich hatte, sah ich als selbstverständlich an. Mein beruflicher Erfolg und mein Erfolg als Coach waren für mich selbstverständlich. Das Glück, was ich erleben durfte. 

Auch mein angeborenes Handicap war für mich selbstverständlich. Selbstverständlich war es für mich, in einer Welt unterwegs zu sein, in der es kaum Barrierefreiheit gibt, in der ich immer andere Wege suchen muss, als die meisten anderen Menschen. Alles normal. Alles gut so weit.

Und doch spürte ich immer stärker: Thomas, du musst in deinem Leben etwas verändern, du kannst so nicht weitermachen! Was war nur los? Was konnte ich ändern?

Schließlich begriff ich, dass ich mich selbst in eine Sackgasse begeben hatte: Der Ehrgeiz, mit dem ich an meinem Erfolg arbeitete, hatte dazu geführt, dass ich mir mehr auflud, als mir guttat. Indem ich so vieles in meinem Leben als gegeben und selbstverständlich ansah, als normal, blockierte ich für mich selbst meine Weiterentwicklung. Und diese Blockade machte sich immer stärker bemerkbar, auch körperlich. Ich war verspannt. Die Energie floss nicht mehr. Ich war verkrampft. Festhalten fiel schwerer … – bis mir klar war, dass ich meine Selbstverständlichkeiten loslassen muss. Vor allem mein Handicap.

Handicap?

Weil mein Handicap wie selbstverständlich zu meinem Leben und zu meiner Persönlichkeit gehört, habe ich lange etwas ganz Wesentliches daran übersehen: Mein Handicap hat mich zu einer besseren Version meiner selbst gemacht (lesen Sie beizeiten doch auch mal hier den Abschnitt „Warum ich keinen Porsche fahre“). 

Ich bin sensibler für andere Menschen geworden. Ich wurde offener für „anders sein“. Ich bekam ein anderes Gespür für Individualität, als wenn ich nicht so „individuell“, so „anders“ gewesen wäre.

Mein Handicap hat mich stark werden lassen: Stark in meinem Zutrauen in meine eigene Möglichkeiten, aus eigener Kraft aufzustehen, wenn es irgendwie möglich ist, und mich neu aufzustellen. Diese Stärke traue ich auch Anderen zu. Denn wenn ich selbst etwas nicht schaffe, dann bitte ich eben um Hilfe – und mir wird geholfen. Weil ich Anderen vertraue.

Als ich dies erkannte, spürte ich Dankbarkeit. Was ich erreicht hatte, war eben nicht selbstverständlich. Ich war dankbar für mein Leben und auch dafür, dass ich die Chance, eine bessere Version meiner selbst zu werden, ergriffen hatte. Dass ich, wie ich es heute nenne, meine persönliche Superkraft entdeckt hatte. Und ich sah nun klarer, was ich in meinem Leben ändern wollte:

Ich wollte nun sichtbarer machen, was ein Handicap bedeuten kann, welche Fähigkeiten ein Handicap  in sich bergen kann (ein erstes Zeichen dieser neuen Sichtbarkeit ist meine Website). Welche Kraft darin liegen kann, „anders zu sein“.

Viele Menschen ergreifen nicht die Chance, zu einer besseren Version ihrer selbst zu werden. Eben weil sie das, was sie haben, als selbstverständlich nehmen. Weil sie denken: Hey, ich hab noch Zeit! Weil sie ihr eigenes Handicap übersehen. 

Dieses Handicap muss nichts Dramatisches sein: Jeder Mensch hat seine Aufgabe, seinen Schmerz, seine Angst – sein ganz persönliches Handicap, das ihn blockiert. Sich in einer Sackgasse fühlen lässt. Eine Widrigkeit, die ihn davon abhält, sein Leben zu leben. Sich voll und ganz zu entfalten.

Was ist Ihr persönliches Handicap, die Widrigkeit, die Sie im Griff hat? Erkennen Sie das, dann erkennen Sie auch die korrespondierende Stärke, Ihre Kraft zur Selbsthilfe – Ihre persönliche Superkraft.

Ihr Thomas Kölblin-Herzig

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